Kinderarmut – „Wir müssen noch klarer Position beziehen!“

„Meine Stieftochter hatte die Idee, Ketten zu basteln aus Perlen. Natürlich hab ich ihr welche besorgt“, erzählt Anna Mayr. „Wenn ich früher eine solche Idee hatte und meine Eltern gefragt habe, hieß es nur: Geht nicht. Zu teuer. All solche Wünsche kosten Geld. Ich habe als Kind nicht gelernt, dass meine Wünsche wichtig sind und ich die Welt nach meinen Wünschen mitgestalten kann.“

Die Sicht einer Betroffenen

Das sagt die Journalistin und Autorin, die selbst als Kind langzeitarbeitsloser Eltern in Armut aufwuchs. Bei der Veranstaltung zum Thema „Familien in Armut“, die die Ev. Akademie im Rheinland Ende April durchgeführt hat. Anna Mayr eröffnete die Veranstaltung mit einer Impulslesung, in der sie in einer sehr klaren und schonungslosen Analyse zum Thema Kinder- und Familienarmut Stellung bezog. Eigene Erfahrungen aus der Kindheit geben ihr genug Material, um sehr praxisorientiert Position zu beziehen. Ihre These: Es ist politisch gewollt, dass Menschen in Armut nicht aus dem Teufelskreis heraus kommen.

Die wissenschaftliche Sicht

Zwei weitere Teilnehmerinnen der Veranstaltung waren Prof. Dr. Irene Gerlach, wissenschaftliche Leiterin am Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik der Uni Münster, und Dr. Irene Becker, Wissenschaftlerin und Autorin der EkiR-Studie „Kinderarmut in Deutschland“. Die beiden diskutierten die Frage, ob eine Kindergrundsicherung für Kinder ein Weg aus der Kinderarmut sein könnte. Mit unterschiedlichem Ergebnis. Während erstere eher skeptisch war, befürwortete Dr. Becker eine solche Grundicherung sehr. Deutlich wurde aber auch: einfache Lösungen wird es nicht geben. Das Thema erfordert genaue Kenntnis der Zusammenhänge und eine gründliche Abwägung der Details.

Der Blick aus der Praxis

Die vierte Frau in der Diskussionsrunde war Alexandra Schwedtmann, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Dinslaken. Sie kennt aus ihrer sozialpädagogischen Arbeit die Nöte armer Familien sehr genau. Kennt die die Flut der Anträge, durch die sich arme Familien kämpfen müssen, um die staatlichen Unterstützungen zu bekommen. Nicht ohne Grund ist Kinderarmut seit Jahren ein Herzensanliegen von ihr. Sie ist nicht so tief in die komplizierte Materie eingetaucht wie die beiden Wissenschaftlerinnen in der Runde. Sie versteht sich eher als Anwältin der armen Familien. Und sie sagt: „Auch ich weiß, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Aber es muss Lösungen geben! In eine arme Familie hinein geboren zu werden, darf in unserem reichen Land nicht bedeuten, dass ich aus diesem Teufelskreis nicht herauskomme, weil nicht herauskomme. Dazu müssen wir noch lauter und klarer Position beziehen.“