Kroatisch-bosnische Grenze – gefährliches Bollwerk der europäischen Migrationspolitik

„Wir müssen lauter werden. Lauter zum Wohl der Flüchtlinge, die unter menschenunwürdigen Bedingungen aus Europa ferngehalten werden“, sagt Jonathan Sieger vom Kölner Spendenkonvoi e.V. bei der Videokonferenz am 5. Mai, zu der der Ev. Kirchenkreis und die Eine Welt Gruppe Dinslaken e.V. eingeladen haben. Siegers Eindrücke aus Bosnien sind noch sehr frisch. Mitte April ist er zusammen mit dem Fotojournalisten Giorgio Morra und anderen vom Kölner Spendenkonvoi zur bosnisch-kroatischen Grenze gereist, um dort gestrandete Flüchtlinge zu unterstützen.

Diese konkrete Hilfe vor Ort in Zusammenarbeit mit einheimischen Hilfsorganisationen ist neben finanzieller Hilfe und Öffentlichkeitsarbeit ein Standbein des Kölner Spendenkonvois. Und es wird schwieriger, solche Hilfe zu leisten, weil die bosnische Regierung immer mehr versucht, NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) das Leben schwer zu machen durch stundenlange Befragungen, Grenzschikanen u.Ä.. Diese Kriminalisierung der Helfenden können NGOs nur umgehen, wenn sie offiziell mit Partnern vor Ort wie z.B. dem Roten Kreuz kooperieren.

Die Lage der Geflüchteten wird immer verzweifelter

„Die Lage der Geflüchteten wird immer verzweifelter“, berichten Sieger und Morra den über 30 Teilnehmenden der Videokonferenz. In den offiziellen Camps ist oft nicht einmal die Grundversorgung mit Wasser, Lebensmitteln und ärztlicher Versorgung gesichert. Aber es ist für die Geflüchteten, die aktuell meist aus Pakistan oder Afghanistan kommen, ohnehin beinahe unmöglich geworden, einen Platz in diesen offiziellen Camps zu erhalten. Diese sind hoffnungslos überfüllt. Die Geflüchteten müssen in den Wäldern, in leerstehenden Häusern, Ruinen oder verwaisten Tierställen Unterschlupf finden. Manche von ihnen haben schon etliche Male versucht, die Grenze nach Kroatien zu überwinden. Wenn es ihnen gelingt, werden sie von der kroatischen Grenzpolizei oft bis weit ins Landesinnere Kroatiens verfolgt und aufgespürt und dann wieder nach Bosnien abgeschoben. Das sind die gefürchteten illegalen Push-Backs.

Dieses Leben hinterlässt Spuren. „Die meist jungen Flüchtlinge sind gezeichnet an Körper und Seele. Es sind die ärmsten der Armen, die kein Geld für Schleuser haben. Monate-, zum Teil jahrelang warten sie auf eine Chance, die EU zu erreichen. In Kälte, hungernd, mit Krätze, ohne Wasserversorgung. Wären es nicht überwiegend junge Menschen, würden sie dieses Leben gar nicht aushalten“ so Morra. Und weil sie sich so versteckt aufhalten, können sie auch von Hilfsorganisationen kaum noch gefunden werden.

So, wie es ist, ist es politisch gewollt

Darum vertritt Sieger auch die Meinung: „Wir sollten angesichts der Verhältnisse in Bosnien, Griechenland oder Frankreich nicht von einer Flüchtlingskrise reden, sondern von einer Situation der flüchtlingspolitischen Entscheidung.“ Will sagen: So, wie es ist, ist es politisch gewollt, weil Europa die Flüchtlinge fernhalten will. Europa versucht mit allen Mitteln, auch mit den illegalen Push-backs, abzuschrecken und die Grenzen abzuschotten. Es fließen keine Gelder nach Bosnien zur Bewältigung der Lage in den Camps.

„Das Land ist arm und mit dieser Lage völlig überfordert“, erläutert der deutsche Journalist und langjährige Balkankenner Erich Rathfelder. An dem Abend ist er der Videokonferenz aus Split zugeschaltet. „Bosnien ist ein zersplitterter Staat. Es gibt keine wirklich handlungsfähige Regierung.
Die nationalistischen Kämpfe lähmen das Land. Die Nationalisten wollen das einst multinationale und multireligiöse Land auseinanderreißen. Und die EU unterstützt dies. Sie macht es zum Parkplatz Europas. Zu einem zweiten Libyen.“

Auf die Frage der Teilnehmenden der Veranstaltung, was man hier vor Ort tun könne, sagt Jonathan Sieger: „Natürlich sind Geld- und zum Teil auch Sachspenden eine Hilfe. Wir planen konkret, die Wasserversorgung für die Flüchtlinge zu verbessern. Aber wir können vor allem auch Position beziehen gegenüber den politisch Verantwortlichen. Gerade jetzt, denn im Herbst sind Wahlen.“

FOTOS: © Giorgio Morra