…wo Gemeinschaft
Ehrensache ist.
Ein Ehrenamt, das verbindet…
Seit über hundert Jahren lebt unser Kirchenkreis vom Engagement vieler Menschen. Ehrenamt bedeutet hier mehr als Unterstützung – es ist der Herzschlag unserer Gemeinden, weil wir ohne die Mithilfe von Ehrenamtlichen viele Angebote nicht vorhalten könnten, von denen unsere Kirche lebt und weil durch die große Vielfalt der Gaben ein buntes Miteinander überhaupt erst möglich wird. Ehrenamtliche gestalten Gottesdienste, begleiten Menschen in Krisen, unterstützen Familien, schaffen Erfahrungsräume für Jugendliche und Kinder, besuchen Menschen zu Geburtstagen und vieles mehr. Das Ehrenamt schafft Zugehörigkeit: Menschen identifizieren sich mit ihrer Kirche vor Ort, erleben ihre Tätigkeit als sinnstiftend und bereichernd und lassen die Botschaft der Kirche lebendig werden.

Wie und wo Ehrenamt in unserer Kirche wirkt:
in Kirchengemeinden, in Diakonie und Ev. Kinderwelt, an so vielen verschiedenen Orten und in vielfältigen Angeboten. Dabei finden sich folgende Schwerpunkte:
Gottesdienst und Kirchenmusik: Bereitschaft zur Gestaltung von Liturgie, Musik und spirituellen Angeboten.
Seelsorge und Besuchsdienste: Menschen finden Trost, Begleitung und Zuversicht in Gruppen, in persönlichen Gesprächen oder Telefonkontakten.
Kinder-, Jugend- und Familienarbeit: Menschen in allen Altersklassen werden in unterschiedlichen Formaten begleitet: in Gruppenangeboten, bei Eltern-Kind-Treffs, bei Besuchen, auf Freizeiten u.v.m.
Soziale Kontakte und Nachbarschaft: Ehrenamtliche schaffen Treffpunkte mit und ohne thematische Angeboten, sie bieten Unterstützung bei Alltagsproblemen und in Freiwilligenhilfen.
Migration und interkulturelle Öffnung: Brücken werden gebaut beim Einleben in unserem Land, in dem Ehrenamtliche beim Lernen der neuen Sprache unterstützen und vielfältige Begegnungen gestalten.
Ökumene und Kooperationen: Ehrenamtliche schaffen Netzwerke bei der Zusammenarbeit mit anderen Kirchen, auf kommunaler Ebene und in Einrichtungen für gemeinsame Projekte.



Wandel im Blick – wie sich Ehrenamt angepasst hat…
Über die Jahrzehnte hat das Ehrenamt zunehmend neue Aufgabenfelder übernommen: von der Telefon- und Notfall- Seelsorge bis zur Organisation von Freizeit- und Bildungsangeboten wie die Ausbildung von ehrenamtlichen Seniorenbegleiter*innen. Technische Entwicklungen und gesellschaftlicher Wandel führten zu neuen Formen der Mitarbeit: digitale Gemeindebriefe und Homepages werden ehrenamtlich betreut, die ehrenamtliche Begleitung unserer Kaffee-Ape Mecki ist im letzten Jahr hinzugekommen.
Dennoch bleibt der Kern gleich: Menschen schenken Zeit, Herz und Hand, damit andere Lebenswege leichter gehen.
Ausblick – Ehrenamt als Zukunftsaufgabe
100 Jahre Ehrenamt zeigen: Kirche wächst dort, wo Menschen sich auf unterschiedliche Wiese mit ihren besonderen Gaben und Interesse einbringen. Zukünftig brauchen wir Räume, die Menschen motivieren, neue Ideen fördern und Begegnung ermöglichen.
Dazu wird mehr als früher Fortbildung in den Blick genommen und auf verlässliche Koordination gesetzt. Hier planen wir im Kirchenkreis u.a. die Ausbildung von Menschen in Seelsorge- und Segensformaten sowie über das Prädikant*innenamt hinaus die Weiterbildung von Menschen, die gottesdienstliche Formen entwickeln und gestalten – damit Engagierte auch in den nächsten Jahrzehnten einen Ort finden, an dem sie sich gerne einbringen und unsere menschenskirche lebendig halten.
Katharina Bous über Seelsorge, Kaffee und Ehrenamt
Katharina Bous ist Pfarrerin der menschenskirche, Seelsorgeentwicklerin, „Mecki-Initiatorin“ und Gestalterin in der menschenskirche. Im Video erzählt sie uns ein wenig über das kleine Kaffeemobil Mecki und wie Seelsorge, Kaffee und Ehrenamt zusammenkommen .
Historie des Ehrenamts in der Kirche
Ursprung: Schon für die ersten christlichen Gemeinden war das aus dem Glauben heraus begründete Tun und Handeln in dieser Welt unverzichtbar. Den so genannten „Gottesdienst im Alltag der Welt“, wie es der Theologe Ernst Käsemann formulierte, zu leben, war zum Beispiel nach dem Brief an die Römer Kapitel 12, Vers 1f für den Apostel Paulus eine zentrale Aufgabenstellung für alle Christen. Im Hintergrund steht dabei die Auffassung, dass Gottes Geist den Menschen mit unterschiedlichen Gaben, Talenten, Charismen segnet und ausstattet und es nun wichtig ist, dieses Geschenk selbst segensreich in Gemeinde und Welt hineinzutragen.
Historisch gesehen bildeten sich in den urchristlichen Gemeinden in ihrer Orientierung an der Endzeitrede Jesu, Matthäus Kapitel 25, sehr schnell die sechs Werke der Barmherzigkeit heraus, die dann im 3. Jahrhundert noch um ein weiteres ergänzt wurden.
Die sieben Werke der Barmherzigkeit sind: Durstige tränken, Hungrige speisen, Gefangene besuchen, Kranke heilen, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, und – später hinzugefügt – Tote begraben.
Die Diakone hatten die Aufgabe, auf die Einhaltung und Befolgung dieser sieben Werke der Barmherzigkeit innerhalb der Gemeinde zu achten. Durch die Betonung der Erzählung Jesu vom barmherzigen Samariter und seiner Gleichnisrede vom Weltgericht wird auch das Gefälle des christlichen Liebesdienstes deutlich. Es folgt eben gerade nicht der Beliebigkeit, sondern orientiert sich an der so genannten „Option für die Armen“.
Weiterentwicklung: Das institutionelle Ehrenamt in Westeuropa hat seine frühen Wurzeln im 12. bis 14. Jahrhundert in der Emanzipationsbewegung des städtischen Bürgertums. Gegenüber den lehensherrschaftlich-feudalen Strukturen entwickelt sich ein ökonomisch starkes Bürgertum, das zunehmend politische Einflussrechte einklagt. Seit dem 12. Jahrhundert kommt es immer wieder zu massiven Auseinandersetzungen des Bürgertums mit der kirchlichen Hierarchie. Die städtischen Räte erzwingen Mitwirkungsrechte bei der Pfarrstellenbesetzung, beim Kirchenbau und bei der Vermögensverwaltung. In der Mitte des 12. Jahrhunderts erhalten zum Beispiel die Kaufleute in Freiburg im Breisgau das Recht, ihre Pfarrer frei wählen zu können. Diese Ansätze von „ehrenamtlicher“ Selbstverwaltung sind allerdings auf die patrizische Elite beschränkt, andere Bürgerbewegungen, ausgehend von einfachen Handwerkern oder Bauern, werden regelmäßig unterdrückt.
Mit der Reformation erhält diese bürgerlich-emanzipatorische Linie jedoch wieder neue Impulse. Vor allem in der Phase der Frühreformation gibt es in vielen Städten „Bürgerausschüsse“, die die gesamten kirchlichen Angelegenheiten kontrollieren (etwa in Lübeck, Rostock und Stralsund). Mit der Etablierung des landesherrlichen Kirchenregiments geht diese frühe demokratische Bewegung jedoch bald wieder unter. Das 17./18. Jahrhundert ist dann eine Zeit der permanenten Entmündigung der Gemeinden, es entwickelt sich ein bürokratisches Staatskirchentum.
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts setzt wieder eine neue „Welle“ ein. Um den absolutistischen Staat zu stabilisieren wird Anfang des 19. Jahrhunderts dem aufstrebenden Bürgertum mit der Preußischen Städteordnung die Möglichkeit gegeben, die Verwaltung der lokalen Angelegenheiten selbst zu übernehmen (Stein-Hardenbergsche Verwaltungsreform). Die am 19. November 1808 erlassene Ordnung reagiert auf „das dringend sich äußernde Bedürfniß einer wirksamern Theilnahme der Bürgerschaft an der Verwaltung des Gemeinwesens“, um so „durch diese Theilnahme Gemeinsinn zu erregen und zu erhalten“ (Präambel). Neben das Recht der Selbstverwaltung tritt die Pflicht, öffentliche Ämter und Funktionen übernehmen zu müssen: „Jeder Bürger ist schuldig öffentliche Stadtämter zu übernehmen, und solche, womit kein Diensteinkommen verbunden ist, unentgeldlich zu verrichten“ (§ 191). Das ist gewissermaßen die Geburtsstunde des bürgerlichen, des institutionellen Ehrenamts.
Mit deutlicher zeitlicher Verzögerung reagiert die Kirche auf diese Entwicklung. Seit etwa 1850 kommt es zum Versuch, gemeindliche Führungsorgane zu bilden. Aber erst nach dem Ende des Staatskirchentums 1918 werden in den meisten Landeskirchen Kirchenordnungen verabschiedet, die demokratisch-parlamentarischen Prinzipien verpflichtet sind.
Soziales Ehrenamt: Das soziale Ehrenamt hat, wie dargestellt, eine bis in die Frühzeit des Christentums zurückgehende Tradition. Es ist die Sorge um Kranke und Arme, um Ausgestoßene und sozial Stigmatisierte, die zu organisierter Hilfe und Unterstützung führt. Im frühen und ausgehenden Mittelalter gibt es von Bürgern initiierte Wohltätigkeit, wie etwa eine auf das Jahr 917 datierbare Bürgerspitalstiftung im bayerischen Wemding oder die berühmte Fuggerei in Augsburg aus dem 16. Jahrhundert.
Im Laufe des 18. Jahrhunderts entstehen dann eigene Unterstützungseinrichtungen für Arme, die auf ehrenamtliche Helfer zurückgreifen. So wird etwa 1788 die Hamburgische Armenanstalt gegründet, durch die verschiedene Armenfonds zusammengefasst und einer kommunalen Aufsicht unterstellt werden. Die Stadt wird in 60 Bezirke mit je drei ehrenamtlichen Armenpflegern eingeteilt. Die Armenpfleger werden auf drei Jahre gewählt und betreiben mittels systematisierter Fragebögen die Armenpflege. Sie sind gegenüber einem auf Lebenszeit gewählten Armenkollegium verantwortlich. In diesem Modell ist bereits im Kern die Grundstruktur der bundesdeutschen Wohlfahrtspflege erkennbar: staatliche Verantwortlichkeit verbunden mit privater Initiative.
